Dienstag, 19. September 2017

Bodyshaming-oder: Warum ich zur Heidschnucke wurde.

Nun zieht sie sich auch noch aus!!!!!!!
Für Likes tut die alles, unfassbar! Naja, wenn man mit Nähen keine Aufmerksamkeit mehr kriegt, dann muss man halt die Hüllen fallen lassen, klar.
 Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa! Genauso ist es! Und ich feiere es, aus ganzem Herzen!
 
 Dieser Blogbeitrag wird länger als lang- und das ist auch der Grund,warum ich ihn hier poste, statt direkt auf meinem FB Blog.
 
Wenn du also wirklich interessiert dran bist, WARUM ich halbnackigt mit anderen Frauen in der Lüneburger Heide stehe, dann nimm dir ne halbe Stunde Zeit, hol dir nen Kaffee und lies ganz in Ruhe.
Es gibt nämlich viele verschiedene Gründe, warum ich mich entschieden habe, an diesem Projekt von Jessica Sasaki Fotografie teil zu nehmen.
 
Ursprung für diese Idee war der Film EMBRACE, der im Mai in den deutschen Kinos lief.
 
Knapp 90 Frauen hatten sich auf Jessicas Aufruf gemeldet- zum Fototermin gekommen ist gerade mal ein knappes Viertel davon.

Ein bisschen komisch war mir schon, als ich da auf diesem Parkplatz stand und mich wildfremden Frauen gegenüber sah, mit denen ich kurz darauf mehr als knapp bekleidet in der Heide stehen sollte. Im Zeitalter von Smartphones übrigens ein Anblick, der von wandernden Touristen mal eben für die Ewigkeit festgehalten wurde. Wenn ihr also aus Österreich kommt und was von nackten Heidschnucken in Niedersachsen gehört habt- hey, ja, das waren wir!
 
Was bewegt mich also dazu, an diesem Fotoprojekt teil zu nehmen?
 
 

Grund 1: Mein eigener Körper.

Was siehst du, wenn du mich auf diesem Bild anschaust?
 



Deine Antwort würde sicher einige der folgenden Stichwörter enthalten: Schlank, jung, sportlich, groß, hübsch. Kommt das ungefähr hin?
 
Wunderbar.
Das entspricht aber nicht meiner Realität.
Ja, ich bin mit 1,72m recht groß. Ja, ich wiege weniger als 60 Kilo. Ich habe keine Dehnungsstreifen oder Geweberisse, ich habe keine Cellulite. Das ist dann wohl die HABEN Seite.

 
Meine SOLL Seite sieht anders aus.
 


 
Die Kurzfassung:
Ohne meine Medikamente könnte ich nicht mal stehen.
 
Mein Körper ist eine komplette Katastrophe und ein Gesamtkunstwerk aus medizinischen Eingriffen und meinem Leben.
 
Ich habe Narben überall an meinem Körper, die meine Geschichte erzählen. Narben von Unfällen mit dem Fahrrad, mit dem Auto, Narben von Operationen nach einem Skiunfall. Narben von NotOPs und den Geburten meiner Kinder. Ich nehme Tabletten, morgens und Abends, damit mein Körper einigermaßen funktioniert. Es gibt Tage, an denen ich nichts essen kann, weil mein Magen verrückt spielt. Es gibt Tage, an denen habe ich Schmerzen, die mich so im Griff haben, dass ich nicht mal mehr die Augen aufhalten kann.
Ich habe Endometriose im Endstadium und aufgrunddessen einen GdB.
Ich habe keine Schilddrüse mehr. Stattdessen eine Narbe am Hals und Schwierigkeiten mit dem Sprechen.
Ich habe Nebenwirkungen von jahrelanger Einnahme von Medikamenten, von mehrfachen künstlichen Wechseljahren und Hormontherapien. 
All das und noch viel mehr seht ihr nicht, wenn ich angezogen vor euch stehe.
Blank ziehen ist in diesem Fall also nicht nur kleidungstechnisch, sondern auch ein Stück weit seelisch gemeint- aber dringend notwendig.
 
Warum?
 
Grund 2.

Ich nähe. Viel und voller Leidenschaft. Und bekomme immer wieder mit, wie Frauen in den den sozialen Netzwerken angefeindet werden wegen ihrer äußeren Erscheinung.
 Gerade während ich das hier schreibe, hat eine Dame in einer FB Gruppe folgende Frage gestellt:

"Welchen Luxus gönnt ihr euch?"Eine Dame antwortete daraufhin: "Ein Glas Nutella die Woche". Die Reaktion eines jungen Mannes auf diesen Kommentar war folgender: "So siehst du auch aus!"

 
Puckedipuck hat erst vor 2 Wochen einen Blogbeitrag verfasst, der thematisiert, dass auch schlanke Frauen ständig Bodyshaming ausgesetzt sind und es keinen interessiert.
 

Bodyshaming. Für mich mein persönliches Unwort 2017. Warum?
 
 
Grund 3:

 Ich habe 2 Töchter. Die eine ist gerade im Teenageralter, die andere ein Kindergartenkind.



 Ich möchte, dass diese meine beiden wundervollen Mädchen aufwachsen können, ohne aufgrund ihrer Outer Appearance klassifiziert zu werden.
 
Meine Große beginnt, sich mit ihrer  Zukunft zu beschäftigen. Sie sucht nach ihrem Platz im Leben, nach einem Beruf, der sie ausfüllt und glücklich macht.

Was soll ich meiner Tochter sagen, wenn ich einen Artikel lese, in dem eine Managerin aus Silicon Valley darüber berichtet, dass sie ihre langen blonden Haare dunkel färbt und eine große Hornbrille trägt, da sie als blonde hübsche Frau auf der Geschäftsführerebene nicht ernst genommen wird und immer wieder Anzüglichkeiten und Sexismus ausgesetzt ist?
Diesen Artikel fand und finde ich erschreckend!!!!!!
Ich möchte niemals erleben, dass meine Töchter sich äußerlich umdekorieren müssen, um einem sozialen Klischee zu entfliehen und anerkannt zu werden.
Ich möchte keine Tochter, die sich in Size Zero hungert.
Ich möchte Töchter, die voller Begeisterung am Grill stehen und ihre Burger wenden. Die leidenschaftlich in Kuchen beißen und denen die Kuvertüre im Gesicht klebt. Ich möchte glückliche Töchter, die sich in ihrem Körper und mit sich selbst wohl fühlen- ungeachtet jeden Mainstreams, jedes modischen Trends.
 
Denn.. und jetzt kommt Grund 4:

 
Denken wir 100 Jahre zurück, denken wir 50 Jahre zurück, denken wir 30 Jahre zurück.

 

Erinnert ihr euch daran, wie die Rollenbilder von Männern und Frauen aussahen?

Erinnert ihr euch daran, dass Frauen Korsett trugen, kein Wahlrecht hatten, nicht zur Schule gehen durften, .. erinnert ihr euch an all das? Und nun macht mal die Augen auf und seht, wie weit wie gekommen sind. Was sich verändert hat- und was noch verändert werden muss.
Wir gehen alle zur Schule, machen eine Ausbildung, studieren- und sitzen dann zuhause, weil die Kinder uns ja brauchen. Nach 20 Jahren zurück in den Beruf? Schwer.
Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen ist möglich, machbar, aber schwer. Aber nur für Frauen. Nicht für Männer. Noch heute verdienen Frauen weniger Geld als Männer in denselben Berufen. Sie arbeiten genauso viel wie Männer, aber bekommen weniger Geld und auch weniger Rente. Noch immer leben wir in einer Welt, in denen Männer und Frauen unterschiedlich gewertet werden. Von einer Frau wird erwartet, nach Feierabend noch den Haushalt zu machen, das Essen auf den Tisch zu bringen und wenn es notwendig ist, sich um kranke Kinder zu kümmern- aber wehe sie vernachlässigt dabei ihren Beruf.
 
Und wenn sie all das in ihrem Alltag untergebracht hat, dann soll sie doch abends bitte noch adrett aussehen und ihrem Mann Aufmerksamkeit schenken.
Wenn sie abends einfach nur schlafen möchte, statt im Hamsterrad weiter die Bedürfnisse anderer zu befriedigen, muss sie sich nicht wundern, wenn ihr Mann sich eine andere sucht. (Diese Aussage habe ich selbst erst vor kurzem mit anhören dürfen und habe innerlich Schnappatmung und Hitzewallungen bekommen!)

 
Grund 5:
Selbstwahrnehmung.
Wir sind inzwischen so damit beschäftigt, zu versuchen, allen Anforderungen zu entsprechen (liebevolle, aufmerksame Mutter, leidenschaftliche und hübsche und fürsorgliche Ehefrau, engagiertes Vereinsmitglied, wertvolle Angestellte, aufopfernde Schwiegertochter etc etc), dass wir gar keine Verbindung mehr zu uns selbst haben. Kein Gefühl, keine Selbstwahrnehmung, wie wir selbst unseren Körper sehen und uns in ihm wohl fühlen.
Wir sehen Size Zero Models auf Plakaten und sind frustriert, weil wir nicht aussehen wie sie.
Wir essen Salat und gehen zum Sport, um wieder in diese eine Jeans zu passen und attraktiv zu bleiben.
JA, Sport machen ist geil! Aber bitte aus den richtigen Gründen- weil wir BOCK drauf haben und nicht weil wir es müssen, um den sozialen Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen um irgendwelchen Konventionen zu folgen! 

Das wiederum führt mich zu Grund 6:
 
Selbstdarstellung.
Das Highlight jeden Jahres ist das Lillestofffestival in Langenhagen. Dort trifft sich, wer leidenschaftlich näht für 2 Tage nähen, klönen, schnacken, lachen.
Letztes Wochenende war es wieder so weit.
Es war mein 3. Mal dort.
Was das Lillestofffestival mit meinem nackig in der Heide rumhüpfen zu tun hat? Verdammt viel.
 Monate vorher wird bereits gegrübelt, was man wohl anzieht an diesem Event. Es wird genäht und diskutiert und Stoffe geshoppt, um an diesen 2 Tagen eines zu zeigen:
WER MAN IST.

 Wie drückt man sich besser aus über die eigene Identität als mit selbstgenähter Kleidung?! GAR NICHT. Hier kannst du Farben, Formen, Muster durcheinandermixen und präsentieren, wie du dich selbst siehst.

2000 Frauen laufen in bunter, selbstgenähter Kleidung durch die Messehalle.
Es gibt viel, das man über das Lillestofffestival sagen könnte. Vieles, das ich erlebt hab dort. Über Menschen, die dort zusammen treffen, Charaktere und Geschichten.
 
Doch wenn man es auf den Punkt bringen möchte, ist das Lillestofffestival vermutlich das hier:

Neben dem Christopher Street Day (und vielleicht auch Halloween?) vermutlich der einzige Ort auf der Welt, an dem nichts wichtiger ist als deine Outer Appearance- und gleichzeitig das Unwichtigste.
Dein Outfit drückt aus, was du sagen willst. Aber in 3 Jahren als Teilnehmerin habe ich nicht EINMAL erlebt, dass jemand dort bodyshaming ausgesetzt war.
Nicht einmal wurde jemand diskriminiert, weil er zuviel oder zuwenig Gewicht hatte. Oder zu weiblich oder zu unweiblich aussieht. Zu bunt oder zu unisex. Oder wegen Narben im Gesicht oder einem Rollstuhl.
Nicht einmal hab ich in 3 Jahren gehört:
Sorry, aber der Look tut nichts für dich.
 
Nein. An diesem Wochenende wird gefeiert.
 
An diesem Wochenende tragen 2000 Mädels ihre Seele sichtbar nach außen, gehüllt in bunte Stoffe und kreative Schnitte, die sie für sich als gut empfinden. Und sie fühlen sich wohl dabei.
 
Und statt Bodyshaming passiert folgendes:
diese Outer Appearance ist Grund und Anlass für Gespräche und Austausch, Ideen und Anregungen und neuen Input.
Wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig in Schubladen zu stecken, uns in Kleidergrößen zu kategorisieren und einfach mal SEIN würden- dann hätten wir auch den Kopf frei um für das zu kämpfen, das wirklich wichtig ist:

 
Für 100% Gehalt und Rentenbezüge. Für mehr Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Für mehr LEBEN.
Und vor allem für MEHR Töchter, die nicht Youtube Stars anhimmeln, deren Kernkompetenz es ist, sich die Nase in Camouflagetechnik schmaler zu schminken oder heimlich den Burger wieder auszukotzen., den sie eben auf Instagram gepostet haben.
  
 
Und wenn du heute rausgehst und eine rundliche Frau vor dem Nutellaregal siehst, dann wünsche ich mir, dass du ihr sagst:
 "Oh, da könnt ich mich auch immer reinsetzten, Sie auch?"


Oder wenn du der Mutter, die übernächtigt und mit Augenringen und ungewaschenen Haaren an der Kasse steht, während ihr Säugling brüllt, einfach eine Tafel Schokolade schenkst und sagst:
 
"Schokolade löst keine Probleme, aber das tut ein Apfel ja auch nicht!"

 Oder wenn du ein Mann bist und das hier liest... deiner Frau sagst, sie soll heut abend mal in die Wanne gehen und im Jogginganzug aufs Sofa kommen, mit dicker Feuchtigkeitscreme im Gesicht und Wollsocken an den Füßen- und du dort auf sie wartest, mit ihrer Lieblingspizza und ihr sagst, dass du sie liebst, wie sie ist. Weil sie jeden Tag alles gibt und weil ihr Körper, der sich verändert hat durch die Schwangerschaften, noch immer der Körper ist, der dir gefällt, weil der Mensch, der drin steckt, der ist, den du liebst.
 

Gib heute.. und vielleicht auch morgen und übermorgen, einem Menschen das Gefühl und das Wissen, dass du ihn magst, weil du ihn als Mensch magst, nicht weil er Size Zero trägt und perfekt geschminkt ist.
 
Tu was nettes.


Für mehr echte Menschen statt Marionetten.
 
All das ist der Grund, warum ich halbnackt in der Heide stand.
 
****************
 
Ein Fotoprojekt von Jessica Sasaki von Jessica Sasaki Fotografie
 
Mein Kleid ist das Anninanni BallerinaKleid nach Anninanni.
Der Cardigan ist der Abendrot Cardigan von Die wilde Matrossel.
Die Stoffe sind von Schnittverhext.
 
Die Frisur ist so gewollt.
Die Figur auch.
 

Kommentare:

  1. Ich fand den Film auch sehr gut, und trotz bzw. gerade wegen meiner Körperfülle bin ich froh, mittlerweile mir selbst sagen zu können: "Du bist gut so wie Du bist. Fühl Dich schön, den Du bist es. " es war ein hartes Stückchen Arbeit, zu dieser Einstellung zu kommen. Ich wünsche allen Frauen und auch Männern, Mädchen und Jungen in dieser Welt, dass Sie allen Widrigkeiten zum Trotz dies auch irgendwann zu sich selbst sagen können. Danke für den Beitrag, Ich denke, Ihr hattet viel Spass als Heidschnucken in der Heide. ;)

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  2. Wow, was für ein toller Beitrag! Und hey, was für eine tolle Frau!
    Liebe (bewegte) Grüße,
    Iris

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  3. was für ein wunderschöner beitrag. danke dir. ich hatte tränen in den augen. danke, dass du den mut aufbringst und die bilder und deine Gedanken mit uns teilst!

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  4. Tolle Aktion!
    Mir fällt dazu nur folgender Satz ein: Schön aussehen muss man nur, wenn man sonst nichts kann!!!!
    LG Nikola

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  5. So viel wahres und doch so schwer umzusetzen. Sich selbst so nehmen, wie man ist. Ohne Selbstzerfleischung.
    Danke für deine Worte.
    LG Jasmin

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  6. Wundervoll geschrieben, vielen Dank

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Bienvenue und HALLO!
Ich freue mich immer über Kommentare und liebe Worte!
Alles Liebe,

Bella