Donnerstag, 7. Mai 2015

Du lernst nicht fürs Leben, du lernst für DICH!

Dieser Satz.
Typisches Eltern-Geschwafel.

Leider ein Satz, den sich inzwischen auch mein renitentes Teenagermädchen schon das ein oder andere Mal anhören musste.

Heute morgen, bei meinem morgendlichen Kakao aus meiner innig geliebten Erbsünde-Tasse, kam er mir in den Kopf. Und plötzlich habe ich entschieden, heute doch zu rumsen.

Ich habe viel gelernt in den letzten fast 2 Wochen seit unserem Autounfall.
Doch wenn ich ehrlich bin, auch in den letzten 3 Jahren. Doch bewusst ist es mir erst jetzt geworden.

2013 unser erster Wasserschaden- ein Souvenir der Vorbesitzer. 9 Monate Sanierung von 3/4 des Hauses. Eine Belastungsprobe ohnegleichen, während mein Mann mehrere hundert Kilometer entfernt stationiert war.
Der nette Besuch der Polizei, der unsere Austauschschülerin aus unserem Haus holte, weil wir sie angeblich eingesperrt haben und hungern ließen. Klar. Argentinisches Rumpsteak ist hart an der Mangelernährung. Ein eigenes Zimmer und ein deutsches Smartphone definitiv Kinderquälerei.

Nun ja.. dann der Umzug ins Ausland.
Die wochenlange Ungewissheit, ob unser wundervolles letztes Wunschkind evtl. geistig behindert sein wird.
Und wenige Wochen nach der Geburt das Unfassbare: Wasserschaden Nummer 2, 11 Monate nach Fertigstellung der 1. Sanierung.
260 000 L Wasser, die unser Haus in ein Schwimmbad verwandelt haben.

Dann... Krebs. Dank rechtzeitigem Erkennen und schneller OP haarscharf an Bestrahlung und schlimmerem Vorbeigekommen.

Ich dachte, wir haben alles durch.
Alles erlebt.
Ich dachte, uns kann nichts mehr passieren, nichts mehr schocken, wir haben unser SOLL durch für den Rest unseres Lebens.

Nun. Der 25.April hat mich eines besseren belehrt.
Ein Touran und ein Sattelschlepper sind nicht die besten Sparringpartner.

Erstaunlicherweise sind wir da relativ unbeschadet rausgekommen.

Und mein einziger Gedanke, nachdem ich durch das Fenster geklettert bin und auf der Autobahn stand, während mein Mann eingeklemmt im Auto saß war... WUT.
Unfassbare Wut.
Auf den da oben.
Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich ihm verdammt gerne eine geklatscht.

Inzwischen sind fast 2 Wochen vergangen.
Ja, das Auto ist Totalschaden.
Ja, wir haben psychisch alle ziemlich an dem Unfall zu knabbern.
Ja, wir haben alle noch Prellungen, Hämatome, Schnittverletzungen, die uns immer noch zusetzen, sichtbar sind, noch brauchen, bis sie verheilt sind.
Das wird dauern.
LKWs sind derzeit nicht so auf der Liste meiner Lieblingsverkehrsteilnehmer und rufen bei uns allen Panik und Zusammenzucken hervor.

Ja, das Leben war in den letzten 3 Jahren ein Arschloch.
Und doch habe ich viel daraus gelernt.

Ich weiß jetzt, wer echt ist und wer fake.
Ich weiß jetzt, auf wen wir uns 1000% verlassen können.
Ich weiß, wem was an uns liegt.

Es gibt Menschen, die vor der Tür stehen und sagen: "Wo kann ich helfen?"
Es gibt Menschen, die einfach da sind und dich heulen lassen.
Es gibt Menschen, die kommen und anpacken. Die Ärmel hochkrempeln und helfen, unser zerstörtes Haus wieder in ein Zuhause zu verwandeln.

Ohne diese Menschen hätten wir die letzten 3 Jahre nicht durch gestanden. Und erst recht nicht die letzten 2 Wochen. Menschen, die dich weinend in die Arme nehmen. Menschen, die sagen "Ich weiß nicht was ich sagen soll, und ich habe Angst, das falsche zu sagen, aber ich bin da wenn ihr mich braucht!".



Und dann gibt's da diese anderen Menschen.

Die, die alles besser wissen.
Die wissen, wie du dich verhalten sollst, welche Entscheidungen du treffen sollst.
Menschen, die glauben, das Recht zu haben, dich zu maßregeln, ohne Ahnung zu haben.
Menschen, die zu alles und jedem ungefragt ihren Senf dazu geben und viel besser als du selbst wissen, wie du zu leben hast.
Menschen, die dir sagen: " Du siehst auf deinen Fotos so glücklich aus und strahlend- Dir KANN es ja gar nicht schlecht gehen. Du tust nur so!"
Das sind die Menschen, die mir noch nie egaler waren, als jetzt.

Zum ersten Mal bin ich an dem Punkt, an dem ich sage:

Ich MUSS gar nichts.
Ich muss keine Erwartungen erfüllen. Ich muss niemandem gefallen. Ich muss nicht tun, was andere wollen. Ich muss vor allem im Moment keine Entscheidungen treffen.

Unsere Belastbarkeit ist erreicht.
Das ALLERWICHTIGSTE ist, dass wir als Familie das verarbeiten. Dass wir irgendwann einen LKW überholen können, oder hinter einem LKW fahren können, ohne schreien zu wollen.
Dass wir die Bilder, die Schreie, aus dem Kopf kriegen.
Dass ich meinen Sohn ansehen kann und in meinem geistigen Auge nicht meinen Sohn sehe, das Gesicht blutüberströmt durch Schnittverletzungen im Gesicht.
Dass ich schokobraune Tourans sehen kann, ohne in Tränen auszubrechen.

Ich habe vom Leben gelernt.


Es ist nicht der weiße Sandstrand, Palmen und türkisblaues Meer, die glücklich machen. Nicht mal, wenn man dort lebt.

Es sind die Menschen, auf die du zählen kannst.
Es ist das Zuhause, in dem du du sein kannst.
Es ist aber vor allem deine Familie.


Und damit meine ich nicht zufällige (Gen-)Verwandschaften, die per Konvention Zwangs-Beziehungen bedeuten.
Es ist der Mann, den du liebst und deine Kinder.
Das sind die Menschen, die wichtig sind.



Meine Tochter ist gestern 12 geworden.
Wir konnten Geburtstag feiern.
Wir haben es geschafft, durch Hilfe und Unterstützung von Freunden, in einer gestrichenen Stube mit tags zuvor verlegtem Boden zu feiern. Auf Bierzeltgarnituren.

Es war unperfekt perfekt. Wir konnten lachen.

Es wäre traurig, wenn es anders wäre.

Denn das hier, das ist das Leben. UNSER Leben.




In dem Sinne,

Alles Liebe
Eure Bella

PS:
Fakten  zum Kleid:
Backless Dress von Sewera https://www.etsy.com/de/listing/231733696/the-backless-Dress
Stoffe: Tissus-Price Cuers










Kommentare:

  1. Ein tolles Kleid und eine Geschichte über 3 Jahre, die mich traurig und gleichzeitig hoffnungsfroh stimmt ... nicht aufgeben - auch mein Motto. Bleib weiterhin so tough und die Pechsträhne wird sicher abreißen, denn irgendwann ist ein Konto voll. Ich drücke dir die Daumen ... ähm ... ich drücke euch die Daumen!
    LG
    Frau H.

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  2. Hallo Bella,
    oh wow ich sitze hier und habe Gänsehaut...
    Seid fest umarmt...und liebe Grüße an das gestrige Geburtstagkind <3
    Unsere Großmutter hat immer unter die Briefe geschrieben : "Bleibt behütet!"
    ich denke das passt ganz gut...
    Also...
    Bleibt behütet!
    Liebe Grüße
    Anja

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  3. Liebe Bella,
    da kann man ja gar nicht genug Sonnenstrahlen auf die Reise schicken... Ich bin mal wieder entwaffnet von Deiner Offenheit und Ehrlichkeit. Beeindruckend, wie Du das alles trotzdem "wuppst" und auch noch so hammertolle Kleider nähst <3 Ein Traum! Offenbar gibt es in Frankreich auch die interessanteren Stoffe.
    "Wende Dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen die Schatten hinter Dich." heißt es... In diesem Sinne schickt herzliche Grüße,
    Sandra

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  4. Krass!
    Ich wünsche euch immer genug Freunde, die euch schweigend in den Arm nehmen!
    LG Kate

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  5. Liebe Bella, ich habe eben erst Dich und Eure Geschichte entdeckt und kann Dich nur bewundern. Ich hab in den letzten 3 Jahren (Bruchteile) von dem mitgemacht, was Du hier beschreibst und konnte an vielen Stellen beim Lesen nur nicken. Ich hätte nie gedacht, dass man aus so beschi..... Situationen doch noch Gutes gewinnen kann, aber rückblickend ist es doch so. Ich habe eine "gesundere Sicht" auf das Leben und meine Prioritäten gerade gerückt. Ob ich das geschafft hätte, wenn ich auch noch einen solchen Unfall erlebt hätte, weiß ich nicht. Umso mehr bewundere ich Dich für Deine Stärke und Deine Zeilen hier.
    Ich wünsche Euch weiterhin ganz, ganz viel Kraft, viiieeel Glück & Gesundheit und fühl Dich unbekannter Weise gedrückt. Liebe Grüße, Frieda

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Alles Liebe,

Bella